Freitag, 23. Juni 2006
Gestenr ging ein Interview online, das ich der österreichischen Plattform werbeplanung.at gegeben habe:
Herr Rappold, haben Sie ein Weblog?
Dieter Rappold: Ich habe drei Blogs: auf twoday.net, moday.at und blogr.com. Bei unserem ,Corporate Blog' auf knallgrau.at schreibe ich mit.
In einem Satz: Was macht Bloggen so toll?
Keine Ahnung. Warum war die Druckmaschine von Gutenberg so toll? Spannend sind die vielen Möglichkeiten des Tools: vom Tagebuch des
14jährigen Mädchens bis hin zum Corporate Leadership-Tool des CEO eines Global Players. Und das alles ergibt sich nicht aus einer hochtechnischen Applikation, sondern aus einer Fokussierung auf die sozialen Prozesse.
Was heißt das genau?
Weblogs sind die Verwirklichung des Push Button Publishings. Auf twoday beispielsweise bloggen 20.000 Menschen, die in keiner Hinsicht besondere technische Kenntnisse besitzen, gar microsoftzertifiziert wären. Wir enablen den Einzelnen und geben ihm die Möglichkeit zur gleichen potenziellen Reichweite wie CNN.com und das bei geringsten Kosten. Die Blogs sind untereinander verlinkt, vernetzt und über die Blogroll (Anm.: Liste aller Weblogs, die vom jeweiligen Blog-Betreiber gelesen und/oder empfohlen werden. Ausgangspunkt für virale Verbreitung von Weblogcontent.) werden neue soziale Netze sichtbar gemacht. Es manifestiert sich, dass Google der Gatekeeper der Zukunft ist, nicht die klassischen Medien. Hansi Maier steht da potenziell gleichberechtigt neben der FAZ – mit der Betonung auf potenziell!
In Frankreich soll es mehr als drei Millionen Blogger geben. In Deutschland vielleicht 250.000. In Österreich– auch relativ zu Deutschland betrachtet – wahrscheinlich noch weniger. Woher kommen diese Unterschiede?
In Österreich gibt es relativ mehr Blogger als in Deutschland. Das hat mit kleinezeitung.at, mit twoday.net zu tun. In Summe werden es zwischen 30 und 40.000 sein. Interessant ist, dass es in Polen mehr als doppelt so viele Blogger gibt wie in Deutschland, Schweiz und Österreich zusammen. Da tut sich für uns ein interessanter Markt auf.
Warum ist das so?
Schwer zu sagen. Es scheint so, als ob im Osten Medienentwicklungen übersprungen werden. Da geht´s vereinfacht gesagt vom Brief direkt zum Blog.
Blog-These 1: „Now the little guy is the true pit bull of journalism“, schrieb „The Guardian“ heuer im März. Muss man vor Bloggern also Angst haben?
Nein! Diese Diskussion ist komplett entbehrlich. Bloggen ist viel mehr communication als publication. Diese entweder-oder-Debatten gehen an der Sache völlig vorbei. Wir denken in „sowohl als auch“-Kategorien und das wird der Realität besser gerecht.
Aber es scheint doch eine empfundene Bedrohung seitens der etablierten Medien zu geben.
In den USA ist die Bedrohung konkret. Jedes Jahr nimmt die Mediennutzung der Zeitungen um 1-2% ab und diese Entwicklung ist auch in Europa Realität.
Was ist Ihre Empfehlung daraus?
Internet ist als broadcasting verstanden worden. Nichts hindert Medienverleger daran, die User zur Teilnahme einzuladen und mit ihrem Content einen Mehrwert für das Medium und damit auch für seine Leser zu schaffen. Neue Contents werden angeboten, die Bindung zum Medium wird eine stärkere und die Leser werden schlussendlich zum Medium selbst.
Klingt betreuungsintensiv.
Ein Beispiel: Wir haben eine Supportforum für unseren Hostingdienst twoday.net, das in Form eines kollaborativen Weblogs funktioniert. Unser Aufwand für die optimale Servicierung von 50.000 registrierten Mitgliedern beträgt weniger als 30 Stunden pro Monat und beschränkt sich im wesentlichen auf die Bereitstellung der Infrastruktur. Da werden laufende Aufwände einfach überschätzt weil man Angst hat, den Kunden eine Infrastruktur in Selbstverwaltung zu übergeben.
Was sollen die Medien also tun?
Die Medien haben zwei Aufgaben zu erfüllen: Erstens, sie müssen Enabler und Plattformprovider sein, das heißt sie müssen bedienbare technische Plattformen anbieten und offene partizipative Prozesse initiieren und ermöglichen. Zweitens müssen sie als Aggregatoren wirken, damit meine ich, dass den Medien nach wie vor die wichtige Rolle der Bewertung, der Gewichtung, der Aufbereitung und Interpretation zukommt. Das ist Ihr eigentlicher Wert.
Blog-These 2: „Ein einzelnes Weblog ist so aufregend oder langweilig wie die Person, die es schreibt. In ihrer Gesamtheit entfaltet die Blogwelt aber eine explosive Publikationsmacht.“ D´accord?
Ja, korrekt. Blogs sind personenbezogene Mikromedien und funktionieren nach schwarmtheoretischen Gesichtspunkten. In simplen Worten, das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.
Und was ist es, das Blogs ,schwärmen’ lässt?
Die ausführliche Beantwortung würde hier den Rahmen sprengen. Aber das Verständnis um diese Prozesse und die damit verbundene Erweiterung von Handlungsoptionen für unsere Kunden ist Kern unserer Leistung.
Ein bisschen konkreter?
Es gibt auch in der Blogosphere sogenannte Hubs, also Knotenpunkte. Rund um dieses Verständnis von Netzwerken ergibt sich auch das Verständnis um Netzwerkstabilitäten bzw. Instabilitäten. Wir hatten die großartige Gelegenheit mit twoday.net in den vergangenen 3,5 Jahren extrem viel zu lernen. Fehler die wir bei unserem eigenen Service gemacht haben, müssen unsere Kunden nicht mehr machen.
Weltweit sollen bereits mehr als 15.000 Unternehmensblogs eingerichtet worden. Wie schaut es mit Corporate Blogging Stategies in Österreich aus?
Die gibt´s zur Zeit nicht. Wir setzen gerade das erste Corporate Blogging-Projekt für ein großes börsenotierendes Unternehmen in Österreich auf. Gegen Ende des Sommers wird es dazu mehr zu hören geben.
Und was soll das bringen?
Die Konsumenten können direkt mit der Unternehmensspitze kommunizieren. Ungefiltert und öffentlich. Das ergibt eine bessere Beziehungsqualität und diese wiederum eröffnet neue Handlunsgoptionen. Etwas was sich viele Unternehmen wünschen.
Man kann auch sagen, dass die PR-Schreiber neue Jobs als Ghostwriter bekommen.
Nein, die Blogger in diesem Unternehmen sind in der Unternehmensführung angesiedelt. Wir glauben, dass ghostwriting nicht funktionieren würde und können als Berater unseren Kunden nur strikt davon abraten.
Was unterscheidet eigentlich klassische PR vom Unternehmenblog?
Klassische PR versucht ein Bild zu vermitteln, das mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Es entsteht eine große Distanz zu Unternehmen und Marke auf der einen Seite und dem Konsumenten. Marken sind dann erfolgreich, wenn sie beziehungsfähig sind. Das kann nur durch Menschen erreicht werden und die stehen hinter Blogs.
Hinter klassischer PR stehen doch auch Menschen.
Die wollen aber explizit unpersönlich sein und bleiben!
"Die Werbevermarkter haben noch keine Ideen für die Kommerzialisierung der Blogs", sagt Christoph Schultheis, einer der Macher von Bildblog. Wie sehen Sie das?
Richtig. Die Media-Agenturen haben keinen Plan, wie sie damit umgehen sollen, weil sie mit Mitteln, Maßeinheiten und Skalen der Vergangenheit etwas völlig Neues bewerten wollen. Ist aber auch okay so. Machen wir es halt selbst.
Wo liegen für die Unternehmen die Potenziale der Blogs?
Nehmen wir http://twoday.tuwien.ac.at her. Da bloggen 2.000 Studenten der TU Wien. Die Mediaagenturen, die uns helfen wollen das sinnvoll zu vermarkten, fragten, ob man einen Skyscraper reinsetzen könne? Nein, kann man nicht! Es geht um kommunizieren und nicht um eindringen. Da sind leider sehr wenig Kreativität und noch mehr Beratungsresistenz vorhanden.
Was also sonst, wenn es keine Skys sein dürfen?
Blogs bieten eine neue und extrem gute Werbemöglichkeit. Es herrscht eine starke Trennung zwischen signal und noise. Der Corporate Content von BMW zum Beispiel (siehe: http://podcast.bmw.com) will gesehen werden, das ist keine Unterbrechung. BMW startete im Jänner diesen Jahres mit uns ein Videocasting-Projekt (siehe: http://vodcast.bmw.com) und ist mittlerweile laut iTunes international die fünftstärkste Brand im Videocasting mit einem Investitionsbudget von nicht einmal 150.000 Euro. Das kann sonst niemand leisten derzeit.
Herr Rappold, haben Sie ein Weblog?
Dieter Rappold: Ich habe drei Blogs: auf twoday.net, moday.at und blogr.com. Bei unserem ,Corporate Blog' auf knallgrau.at schreibe ich mit.
In einem Satz: Was macht Bloggen so toll?
Keine Ahnung. Warum war die Druckmaschine von Gutenberg so toll? Spannend sind die vielen Möglichkeiten des Tools: vom Tagebuch des
14jährigen Mädchens bis hin zum Corporate Leadership-Tool des CEO eines Global Players. Und das alles ergibt sich nicht aus einer hochtechnischen Applikation, sondern aus einer Fokussierung auf die sozialen Prozesse.
Was heißt das genau?
Weblogs sind die Verwirklichung des Push Button Publishings. Auf twoday beispielsweise bloggen 20.000 Menschen, die in keiner Hinsicht besondere technische Kenntnisse besitzen, gar microsoftzertifiziert wären. Wir enablen den Einzelnen und geben ihm die Möglichkeit zur gleichen potenziellen Reichweite wie CNN.com und das bei geringsten Kosten. Die Blogs sind untereinander verlinkt, vernetzt und über die Blogroll (Anm.: Liste aller Weblogs, die vom jeweiligen Blog-Betreiber gelesen und/oder empfohlen werden. Ausgangspunkt für virale Verbreitung von Weblogcontent.) werden neue soziale Netze sichtbar gemacht. Es manifestiert sich, dass Google der Gatekeeper der Zukunft ist, nicht die klassischen Medien. Hansi Maier steht da potenziell gleichberechtigt neben der FAZ – mit der Betonung auf potenziell!
In Frankreich soll es mehr als drei Millionen Blogger geben. In Deutschland vielleicht 250.000. In Österreich– auch relativ zu Deutschland betrachtet – wahrscheinlich noch weniger. Woher kommen diese Unterschiede?
In Österreich gibt es relativ mehr Blogger als in Deutschland. Das hat mit kleinezeitung.at, mit twoday.net zu tun. In Summe werden es zwischen 30 und 40.000 sein. Interessant ist, dass es in Polen mehr als doppelt so viele Blogger gibt wie in Deutschland, Schweiz und Österreich zusammen. Da tut sich für uns ein interessanter Markt auf.
Warum ist das so?
Schwer zu sagen. Es scheint so, als ob im Osten Medienentwicklungen übersprungen werden. Da geht´s vereinfacht gesagt vom Brief direkt zum Blog.
Blog-These 1: „Now the little guy is the true pit bull of journalism“, schrieb „The Guardian“ heuer im März. Muss man vor Bloggern also Angst haben?
Nein! Diese Diskussion ist komplett entbehrlich. Bloggen ist viel mehr communication als publication. Diese entweder-oder-Debatten gehen an der Sache völlig vorbei. Wir denken in „sowohl als auch“-Kategorien und das wird der Realität besser gerecht.
Aber es scheint doch eine empfundene Bedrohung seitens der etablierten Medien zu geben.
In den USA ist die Bedrohung konkret. Jedes Jahr nimmt die Mediennutzung der Zeitungen um 1-2% ab und diese Entwicklung ist auch in Europa Realität.
Was ist Ihre Empfehlung daraus?
Internet ist als broadcasting verstanden worden. Nichts hindert Medienverleger daran, die User zur Teilnahme einzuladen und mit ihrem Content einen Mehrwert für das Medium und damit auch für seine Leser zu schaffen. Neue Contents werden angeboten, die Bindung zum Medium wird eine stärkere und die Leser werden schlussendlich zum Medium selbst.
Klingt betreuungsintensiv.
Ein Beispiel: Wir haben eine Supportforum für unseren Hostingdienst twoday.net, das in Form eines kollaborativen Weblogs funktioniert. Unser Aufwand für die optimale Servicierung von 50.000 registrierten Mitgliedern beträgt weniger als 30 Stunden pro Monat und beschränkt sich im wesentlichen auf die Bereitstellung der Infrastruktur. Da werden laufende Aufwände einfach überschätzt weil man Angst hat, den Kunden eine Infrastruktur in Selbstverwaltung zu übergeben.
Was sollen die Medien also tun?
Die Medien haben zwei Aufgaben zu erfüllen: Erstens, sie müssen Enabler und Plattformprovider sein, das heißt sie müssen bedienbare technische Plattformen anbieten und offene partizipative Prozesse initiieren und ermöglichen. Zweitens müssen sie als Aggregatoren wirken, damit meine ich, dass den Medien nach wie vor die wichtige Rolle der Bewertung, der Gewichtung, der Aufbereitung und Interpretation zukommt. Das ist Ihr eigentlicher Wert.
Blog-These 2: „Ein einzelnes Weblog ist so aufregend oder langweilig wie die Person, die es schreibt. In ihrer Gesamtheit entfaltet die Blogwelt aber eine explosive Publikationsmacht.“ D´accord?
Ja, korrekt. Blogs sind personenbezogene Mikromedien und funktionieren nach schwarmtheoretischen Gesichtspunkten. In simplen Worten, das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.
Und was ist es, das Blogs ,schwärmen’ lässt?
Die ausführliche Beantwortung würde hier den Rahmen sprengen. Aber das Verständnis um diese Prozesse und die damit verbundene Erweiterung von Handlungsoptionen für unsere Kunden ist Kern unserer Leistung.
Ein bisschen konkreter?
Es gibt auch in der Blogosphere sogenannte Hubs, also Knotenpunkte. Rund um dieses Verständnis von Netzwerken ergibt sich auch das Verständnis um Netzwerkstabilitäten bzw. Instabilitäten. Wir hatten die großartige Gelegenheit mit twoday.net in den vergangenen 3,5 Jahren extrem viel zu lernen. Fehler die wir bei unserem eigenen Service gemacht haben, müssen unsere Kunden nicht mehr machen.
Weltweit sollen bereits mehr als 15.000 Unternehmensblogs eingerichtet worden. Wie schaut es mit Corporate Blogging Stategies in Österreich aus?
Die gibt´s zur Zeit nicht. Wir setzen gerade das erste Corporate Blogging-Projekt für ein großes börsenotierendes Unternehmen in Österreich auf. Gegen Ende des Sommers wird es dazu mehr zu hören geben.
Und was soll das bringen?
Die Konsumenten können direkt mit der Unternehmensspitze kommunizieren. Ungefiltert und öffentlich. Das ergibt eine bessere Beziehungsqualität und diese wiederum eröffnet neue Handlunsgoptionen. Etwas was sich viele Unternehmen wünschen.
Man kann auch sagen, dass die PR-Schreiber neue Jobs als Ghostwriter bekommen.
Nein, die Blogger in diesem Unternehmen sind in der Unternehmensführung angesiedelt. Wir glauben, dass ghostwriting nicht funktionieren würde und können als Berater unseren Kunden nur strikt davon abraten.
Was unterscheidet eigentlich klassische PR vom Unternehmenblog?
Klassische PR versucht ein Bild zu vermitteln, das mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Es entsteht eine große Distanz zu Unternehmen und Marke auf der einen Seite und dem Konsumenten. Marken sind dann erfolgreich, wenn sie beziehungsfähig sind. Das kann nur durch Menschen erreicht werden und die stehen hinter Blogs.
Hinter klassischer PR stehen doch auch Menschen.
Die wollen aber explizit unpersönlich sein und bleiben!
"Die Werbevermarkter haben noch keine Ideen für die Kommerzialisierung der Blogs", sagt Christoph Schultheis, einer der Macher von Bildblog. Wie sehen Sie das?
Richtig. Die Media-Agenturen haben keinen Plan, wie sie damit umgehen sollen, weil sie mit Mitteln, Maßeinheiten und Skalen der Vergangenheit etwas völlig Neues bewerten wollen. Ist aber auch okay so. Machen wir es halt selbst.
Wo liegen für die Unternehmen die Potenziale der Blogs?
Nehmen wir http://twoday.tuwien.ac.at her. Da bloggen 2.000 Studenten der TU Wien. Die Mediaagenturen, die uns helfen wollen das sinnvoll zu vermarkten, fragten, ob man einen Skyscraper reinsetzen könne? Nein, kann man nicht! Es geht um kommunizieren und nicht um eindringen. Da sind leider sehr wenig Kreativität und noch mehr Beratungsresistenz vorhanden.
Was also sonst, wenn es keine Skys sein dürfen?
Blogs bieten eine neue und extrem gute Werbemöglichkeit. Es herrscht eine starke Trennung zwischen signal und noise. Der Corporate Content von BMW zum Beispiel (siehe: http://podcast.bmw.com) will gesehen werden, das ist keine Unterbrechung. BMW startete im Jänner diesen Jahres mit uns ein Videocasting-Projekt (siehe: http://vodcast.bmw.com) und ist mittlerweile laut iTunes international die fünftstärkste Brand im Videocasting mit einem Investitionsbudget von nicht einmal 150.000 Euro. Das kann sonst niemand leisten derzeit.
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