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Vor kurzem hatte ich das große Vergnügen vom RAY Filmmagazin interviewt zu werden - dem neben Datum wirklich schönsten und feinsten heimischen Produkt vom kargen Magazinhimmel.

Ray-Filmmagazin

Greift sich toll an, schöner Satz, tolle Bildsprache, super geschrieben - jede Ausgabe wertig wie ein Buch und das Abo um schlappe EUR 39,-. Für Kinoliebhaber wie mich fast unumgänglich wenn mir dadurch nicht immer vor Augen gehalten würde wie viele gute Filme ich durch Zeitmangel versäume. Genug des Lobes, ich wurde also interviewt und ich darf das Interview hier vorab publizieren:

Interview von Roman Scheiber
Dieter Rappold, Geschäftsführer von Knallgrau, über Internet-Fernsehen und Videoblogs, über „granulare Medienmärkte“ und das „Skalieren von Gesprächen“.

Sie waren im Dezember auf der „Le Web 3“-Konferenz in Paris. Welche Eindrücke haben Sie mitgenommen?

Es sollte die große Konferenz schlechthin zur Zukunft des Netzes sein. Wie viele andere Konferenzen lief aber letztlich auch diese Gefahr, durch kommerzielle Tendenzen in eine Werbeshow auszuarten. Der Mehrwert lag wieder einmal weniger in den Vorträgen, als im informellen Austausch dazwischen, im Networking.
Thematisch würde ich berichten, dass das Videothema in aller Munde war, vor allem durch den Google-YouTube-Deal und generell durch die Verbreitung des Videoformats in einem Massenmarkt. Beim stark präsenten Thema Videoblogging zum Beispiel war man einhellig der Meinung, dass es hier nicht darum geht, TV fürs Internet zu machen, sondern neue Medienformate zu entwickeln. Gabriel McIntyre von xolo.tv oder Anil de Melo von mobuzzTV sind Leute, die Ideen haben, wie das in Zukunft aussehen könnte.

Ist also herkömmliches Fernsehen im Internet eine Sackgasse?

Fernsehen ist Broadcasting, über Jahrzehnte gelernt, tut sich also schwer damit, binnen kurzer Zeit auf ein bidirektionales System umzusteigen. Klassische Fernsehgesellschaften werden das nicht so einfach schaffen. Einzelne Projekte zeigen aber, dass es in gewissen Kontexten am Rand des Massenmarktes möglich ist. Wir haben zum Beispiel polylog.tv gemacht, für das deutsche TV-Magazinformat polylux. Die hatten den Mut und die Bewegungsfreiheit, ein neues Format zu entwickeln.

Wie verändert das Web die Seh- und Konsumgewohnheiten?

Ich glaube, es wird sich ein eigenes Konsumverhalten etablieren. Wir werden den sogenannten user generated content irgendwann auf dem TV-Schirm haben. Aber auf dem 100cm-Breitbild-Plasma-TV-Schirm, den ich gern zu Hause hätte, schau ich mir nicht irgendwelche verwackelten Internet-Kurzclips an. Auf meinem Handheld schau ich mir auch nicht Desperate Housewives an. Bestimmte Formate funktionieren auf bestimmten Devices, andere Formate auf anderen Devices. Der Medienmarkt wird ein Stück granularer, der Nutzungskuchen wird sich auf mehrere kleinere Stücke aufteilen, und eines davon wird eben Internet-Videocontent sein.

Laut einer Statistik von Technorati gibt es rund 60 Millionen Blogs und kommen rund 100.000 täglich dazu. Wer soll das alles lesen und kommentieren?

Weblogs sollte man nicht als Medien betrachten. 0,1 Prozent der Weblogs werden so nachhaltig betrieben und erfreuen sich einer derartigen Beliebtheit, dass sie sich schrittweise auch zu Medien entwickeln können. Erst dann wären wir im Kontext des Begriffs Reichweite. Für 99,9 Prozent der Weblogs ist der Begriff Reichweite völlig irrelevant. Es sind Kommunikationsinstrumente, mit denen Gespräche persistent im Internet abgebildet werden können. Mein Weblog schreib ich für mich, meine Freunde und Bekannten. In diesem kleinen sozialen Kreis ist es ein Kommunikationswerkzeug, dass einfach effizienter funktioniert als zum Beispiel email.

Von den erwähnten 0,1 Prozent Blogs, die eine relevante Reichweite aufweisen wollen, ist wiederum nur ein Bruchteil so geschickt oder erfolgreich, dass deren Urheber davon leben können. Wird die Zahl dieser sogenannten Pro-Blogger zunehmen?

Es werden nie fünf Prozent aller Blogger sein. Der prozentuale Anteil wird eher kleiner werden, weil es immer mehr Blogs geben wird. Es wird auch künftig nur eine überschaubare Anzahl Blogger geben, die von dieser Arbeit allein leben können. Das radikale Phänomen ist ja, dass Millionen Menschen für jeweils auch nur fünf oder zehn Leser schreiben, weil es sie einfach nichts kostet, ihren Inhalt zu verbreiten.

Stichwort corporate blogging: Sind Unternehmsblogs im deutschen Sprachraum ebenso unterentwickelt wie viele andere Netzphänomene?

Ja, wobei wir glauben, dass es eine extrem wichtige Möglichkeit für das Beziehungsmanagement von Unternehmen mit all seinen Stakeholdern ist – mit Mitarbeitern, Lieferanten, Kunden, Partnern. Zurück zur Metapher „Weblogs sind Gespräche“: Wir glauben, dass im zwischenmenschlichen Gespräch eine enorme Kraft liegt. Könnte ich mit jedem Mitarbeiter, jedem Kunden, jedem Lieferanten des Unternehmens jeden Tag ein Gespräch führen, könnte ich mein Unternehmen am besten führen. Das geht nicht, und deshalb plaudere ich via Weblog mit jedem dieser Menschen, und jeder, der es liest, kann darauf antworten. Skalieren von Gesprächen könnte man das nennen. Corporate Blogging ist technisch einfach umzusetzen, setzt aber den Willen zu sozialer Veränderung im Unternehmen voraus.

Warum steckt die Blogging-Kultur im deutschen Sprachraum noch in den Kinderschuhen?

Eine gute Begründung finde ich, dass wir in einem Teil der Welt leben, dem es relativ gut geht. Das führt zu Risikoaversion und Besitzstandswahrung. Gesellschaften, denen es gut geht, tendieren dazu, nichts verändern zu wollen. Insofern haben wir schon länger keine Kultur der Veränderungswilligkeit, sondern eher Angst vor Veränderung. Wir schauen gesamtgesellschaftlich zu wenig auf die Chancen, stattdessen sind wir schon gegen das geringste Risiko versichert.

Japan zum Beispiel gilt auch nicht gerade als arm, dennoch sind ein Drittel aller Blogeinträge weltweit in japanischer Sprache. Ihre Erklärung?

Naja, Japan hat generell eine sehr Technologie-affine Gesellschaft, und die bezieht ihre wirtschaftliche Position aus dem permanenten Vorantreiben des technischen Fortschritts. Außerdem haben wir nicht diese Kultur der Selbstdarstellung, wie es sie in Japan gibt. Auch im Vergleich zu Frankreich zum Beispiel ist unsere Gesellschaft weniger expressiv, wir sind nach meiner Meinung sehr stark vom Biedermeier geprägt.

Ein Schlagwort der Webwirtschaft ist jenes vom long tail. Kurz gesagt, steckt das künftige Marktpotenzial demnach weniger darin, mit einem Produkt möglichst viele Kunden anzusprechen, als vielmehr mit vielen Nischenprodukten jeweils zielgenau möglichst spezifische Kunden anzusprechen.

Dieses Phänomen lässt sich auch auf den medialen Bereich anwenden. Die Medienmärkte zersplittern sich und werden täglich noch fragmentierter, die Zukunft liegt in der Nische. Die Entwicklung der etablierten Print- und Fernsehmedien zeigt auch in diese Richtung. Professionell betriebene Special Interest Blogs, die sich monothematisch einer Fachmaterie widmen, geben schon heute einen Einblick, was uns in Zukunft hinsichtlich der Granularität des Medienangebots erwartet.

„Alte“ Medienhäuser reagieren allmählich auf den neuen Internet-Boom. Um ein personales Beispiel herauszugreifen: Die WAZ-Gruppe hat die in der Blogosphäre als Lyssa berühmt gewordene Katharina Borchert, die auch für Ihr Onlinemagazin „mindestens haltbar“ kolumniert hat, als neue Online-Chefin geholt. Als Feigenblatt oder als prägende Figur?

Ich glaube schon, dass Katharina Borchert in der WAZ-Gruppe aktiv die mediale Zukunft mitgestalten soll. Wobei Berühmtheit dafür sicher nicht ausreichen wird.

Die Blogosphäre hat heftig und großteils harsch darauf reagiert …

Abgesehen von der Neidgesellschaft: Viele, die da am lautesten geschrieen haben, sehen sich ja selbst als Evangelisten einer medialen Zukunft und hätten selbst gern mehr Gestaltungsfreiheit. Katharina Borchert versucht halt, das System von innen zu kippen, das ist ein legitimer Weg. Das Urteil darüber, ob sie ihre Aufgabe erfüllt hat, kann man erst später treffen, sonst wäre es ein Vorurteil.

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