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Ich habe wieder einmal einen Fragebogen eines Diplomanden bekommen, der eine Diplomarbeit rund um Weblogs oder Web2.0 schreiben will. Ich versuche wirklich jeden dieser Studenten nach besten Kräften zu unterstützen - oftmals bin ich aber verwundert wie wenig sich so mancher mit der Materie auseinander gesetzt hat bevor er fragt. Das tun Kunden aber auch sehr oft - deshalb habe ich beim durchlesen der Fragen bemerkt, dass das beantworten derselben sinnvoll für mich sein kann. Denn auch Kunden fragen oft so. Also, die Fragen und die Antworten (einige Fragen habe ich weggelassen, weil zu sinnlos):

Konnten Sie einen (positiven) Einfluss auf die Unternehmenskultur bzw. die Art der Kommunikation feststellen?

Antwort: Weblogs per se sind ein technisches Instrument und insofern nur ein Enabler und Ermöglicher von Dingen oder Prozessen, an denen ein Unternehmen einen spezifischen Bedarf hat. Ein Unternehmen ist ein soziales Konstrukt und ist definiert von sozialen Prozessen. Je nachdem wie weitentwickelt diese Organisation als Ganzes ist sind Weblogs im speziellen, bzw. social software im Allgemeinen, wertvolle Tools um im Rahmen einer guten Unternehmenskultur zu wirken. Insofern ist die Frage falsch formuliert - frei nach dem Motto "nur weil ich eine Säge habe bin ich kein Schreinermeister".

Gehen die Mitarbeiter anders miteinander um?

Antwort: Siehe oben. Weblogs als Instrumente sind besonders gut dazu geeignet Emergenz, transparente Diskussions- und Entscheidungsprozesse oder die effiziente Verteilung von Wissen zu bewerkstelligen. Insofern sind Sie ein Hilfsmittel, die es Mitarbeitern oder Organisationen die in Ihrer Entwicklung schon so weit sind, in die Lage versetzen das gesagte effizient und skalierbar zu tun.

Hat sich der Austausch, die gegenseitige Haltung untereinander verändert? Wenn ja, wie?

Antwort: Wie gesagt, ein Werkzeug verändert nur bedingt eine Haltung. Eine Haltung ist das Ergebnis eines persönlichen Entwicklungsprozesses und der Einsatz dazu geeigneter Werkzeuge ist lediglich der sichtbare Ausdruck dieser persönlichen Entwicklung.

Gibt es einen greifbaren Nutzen für die Arbeit im Tagesgeschäft bzw. in Projekten? Wenn ja, welchen?

Antwort: Es gibt anscheinend einen großen Nutzen darin, Organisation in Form netzwerkorientierter Gebilde weiterzuentwickeln. Diese Strukturen kommen, wie es sich derzeit darstellt, besser mit Unsicherheiten, Interdependenzen und Ambivalenz und ähnlichem zurecht. Rahmenbedingungen die in unserer Welt heute immer stärker zum Tragen kommen. Unternehmen wie zB Google sind hierfür gute Beispiele. Sprich das Ziel ist eine schlankere, wendigere, agilere Organisation die in einem Subsidiaritätsprinzip auf der jeweils betroffenen Ebene autonom die richtigen Entscheidungen treffen kann. Dazu sind aber neue Formen einer effizienten Kommunikation notwendig und dazu eignen sich wiederum Weblogs und Social Software sehr gut.

Wie zufrieden waren Firmen, die das neue Tool schon eingesetzt haben? Wie beurteilen diese die Möglichkeiten?

Antwort: Auch hier gibt es zwei Szenarien. Es gibt Unternehmen die Weblogs einsetzen wollen, weil das Thema in Mode ist. Diese Unternehmen werden mit Sicherheit scheitern. Und dann gibt es Unternehmen die unabhängig einer medialen Welle neue innovative Zugänge zur Organisationsentwicklung gefunden haben. Diese Unternehmen werden automatisch und auch ohne mediale Aufmerksamkeit auf das Thema Weblogs und Social Software stoßen, diese Tools evaluieren, sie individuell angepasst zum Einsatz bringen und erfolgreich damit arbeiten. Aber das ist ein natürlicher, stringenter und logischer Entwicklungsprozeß.

Welche Ansätze sehen Sie zur Erfolgsmessung eines Blogs? Wie lassen sich Einflüsse ausmachen?

Antwort: Ein Ansatz zur Erfolgsmessung ist im ersten Schritt immer die Definition von Erfolgskriterien. Was will das Unternehmen durch den Einsatz dieses Instruments erreichen oder bewirken. Will ich eine bessere Informationsverteilung, will ich meine MitarbeiterInnen aktivieren, will ich der Basis eine Stimme geben, etc. Hat man diese Frage geklärt ist es ein einfaches Erfolgskriterien zu definieren.

Gehen mögliche Ansätze in eine inhaltliche Richtung oder wird man wie in der Werbung/im Online-Marketing mit verschiedenen Kennzahlen arbeiten?

Antwort: Wir sprechen wie gesagt von sozialen Gebilden, von individuellen Anwendungsszenarien und individuellen Zielsetzungen. Hier kann es also per se keine Antwort im Sinne eines Messkriteriums geben die alle über einen Kamm schert. Aber es ist definitiv so, dass wir es mit einer Menge an "weichen" Kriterien zu tun haben die nur bedingt quantifiziert werden können. Neben diesen gibt es quantifizierbare Parameter die an Aktivität, Partizipation und ähnlichem aufgehängt werden können.

Konnten Sie einen Einfluss auf die Außenwirkung/das Image von bloggenden Unternehmen feststellen? Wenn ja, welcher Art ist dieser? Wie konnte er festgestellt werden?

Antwort: Auch hier muß man das Weblog einmal primär als ein Werkzeug verstehen - Im Rahmen einer Aufmerksamkeitsökonomie in der wir alle heute leben (= nicht Informationen sind knapp sondern das Zeitbudget der Zielgruppen und somit die Aufmerksamkeit) bedeutet Präsenz gleich Existenz. Und dann geht es in zweiter Linie um relevante Präsenz. Relevante Präsenz hat auch immer etwas mit Inhalten zu tun und insofern wird sie heute sehr gut über Suchmaschinen realisiert. Wenn jemand in Google nach "Hotelzimmer Barcelona romantisch" sucht und ein Hotel erscheint hier als Suchergebnis, dann hat das für den User erstmal eine Relevanz. Die Frage ist dann noch, erfüllt der Click auf das Ergebnis, die Erwartungshaltung des User. Jedes Unternehmen hat ja eine Positionierung und diese kann auf Begriffscluster heruntergebrochen werden. Das heißt meine Positionierung kann ich auf zB 100 Worte, Begriffe, Themen eingrenzen und entsprechend Clustern. Dann kann ich mit einer hohen Wahrscheinlichkeit damit rechnen, dass meine Zielgruppe die meine Dienstleistungen und Produkte nachfragt und sucht über diese auch findet. Das heißt ich muß zum einen dafür Sorge tragen, dass ich unter diesen "Ankerwörtern" gefunden werde und dass das Ergebnis dahinter dann auch Userbedürfnisse befriedigt. Und es hat sich gezeigt, dass hier Weblogs und Social Software eben sehr gute Werkzeuge dafür sind. Unternehmen wie zB Sun Microsystems haben es geschafft bestimmte Themen und Inhalte erfolgreich zu besetzen, weil Sie im Internet über die Nutzung von Weblogs dominant kommuniziert haben. Wichtig dabei ist, sie haben nicht das Internet "zugespammt" sondern Sie haben wirklich relevant kommuniziert.

Wo stehen deutsche Unternehmen im internationalen Vergleich? Was sind die Ursachen für diese Haltung/Einstellung?

Antwort: Unternehmen im deutschsprachigen Raum sind hier noch sehr am Anfang. Das hat auch mit dem Grad der Organisationsentwicklung zu tun. Diese Unternehmen merken gerade erst, dass diese Themen Emergenz, Umbrüche, Interdependenzen, Entscheidungen unter Unsicherheit, usw. immer wichtiger werden und kaum mehr zu ignorieren sind. Der Druck kommt hier einerseits von aussen, vom Kunden, kommt von internationaler Konkurrenz die keine traditionelle Konkurrenz darstellt (zB Craigslist für den Anzeigenmarkt von Tageszeitungen, YouTube für klassische Fernsehsender, oder Skpye für Telcos), aber auch von innen, von Mitarbeitern an der Basis die oftmals "digital natives" sind und eben so kommunizieren wollen, wie Sie es in Ihrer Freizeit tun (über Blogs, IM, etc...). Das was auf die betroffenen Unternehmen hier wartet sind wichtige Change Management Prozesse und die Entwicklung der Organisation. Das hat wie gesagt im ersten Schritt nur sehr wenig mit Technologie und Tools zu tun. Natürlich gibt es gegen diese Entwicklung massive Beharrungswiderstände, denn Veränderung erzeugt im ersten Schritt auch Schmerzen und es ist menschlich normal Schmerzen vermeiden zu wollen. Weiters geht es den Gesellschaften in Westeuropa im weltweiten Vergleich sehr, sehr gut. Objektiv gesehen haben wir sehr viel zu verlieren, deshalb haben wir ein sehr hohes Interesse an der Beibehaltung des Status Quo. Angesichts der bevorstehenden Veränderung sehen wir viel eher die Risiken als die Chancen. Aus einer schmerzfreien externen Perspektive ist das natürlich nicht eine geeignete Strategie um das gewünschte Ziel zu erreichen.

Worin sehen Sie Vorteile gegenüber anderen dialogfähigen Kommunikationsformen wie Chats, Foren oder Newsgroups?

Antwort: Eine wesentliche Dimension von Social Software (Weblogs sind eine Ausformung von Social Software) ist das Identitätsmanagement. Je mehr Zeit wir online Verbringen desto relevanter ist die Frage nach einem effizienten webbasierten Identitätsmanagement, weil es die Grundlage für Beziehungsmanagement darstellt (ich kann eine Beziehung nur eingehen, wenn ich eine transparente und glaubwürdige Identität als Objekt anzubieten habe an die sich diese Beziehung koppelt). Die entscheidende Frage ist, wie wir dieses Identitätsmanagement verwirklichen - dazu benötigt man eine persistente Online Präsenz die eindeutig der jeweiligen Identität zugeordnet ist und die ich kontrollieren, managen kann.
Insofern ist es ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Ja sowohl da als auch dort läuft Kommunikation ab, aber in Weblogs, bzw. bestimmten Social Software Anwendungen bilde ich meine spezifische Online Identität ab, während Chats, Foren oder Newsgroups einfach nur anonyme Kommunikationsräume sind.

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Es geht hier auch nicht darum darauf hinzuweisen, wie dumm Fragen sind. Es gibt ja laut einem Sprichwort keine dummen Fragen, sondern nur dumme Antworten. Offensichtlich wird durch solche Fragen nur, welch gewaltige Missverständnisse es im Kontext von Web2.0 nach wie vor gibt.

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