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Ich wurde vor einiger Zeit vom Chefredakteur von print + more, Herrn Michael Geffken, eingeladen einen Gastbeitrag über die Zukunft der klassischen Verlagshäuser zu schreiben. Man hat mir da jede Freiheit eingeräumt und mir hat es Spaß gemacht meine Sicht der Dinge wieder zu geben. Im DEZ print + more ist der Text nun leicht gekürzt erschienen, hier findet sich der Originaltext:

Dem User ein Zuhause geben

Gleich beginnt der Arbeitstag, ein kurzes Skype-Gespräch mit dem alten Studienkollegen der in Sydney sitzt. Die Recherche für den Kundentermin führt via Google zu Wikipedia und zwei Blogposts die sich kritisch über das Produkt des Kunden äußern. Beim Mittagessen ein YouTube Video, das im Büro kursiert. Das Restaurant wird via Qype ausgesucht, die RSS Feeds von ausgesuchten Technologie Blogs runden kombiniert mit Google News das tägliche Informationsbedürfnis ab.

Das ist das Web2.0 - Die Tageszeitung ist nicht mehr das dominante Medium wie in vergangenen Jahrzehnten. So oder so ähnlich sieht die Medienrealität von heute und morgen aus und dies betrifft mehr und mehr eine Breite Masse an Menschen in Europa und zunehmend auch in Deutschland.
Es scheint, dass ein ganzes Ökosystem der Medien sich radikal verändert. Doch was genau verändert sich und wie können Medienhäuser darauf reagieren um Ihre Wettbewerbspositionen zu sichern?

Unsere historische Medienwelt basiert auf dem Gesetz limitierter Auswahl aufgrund kapitalintensiver Produktionsmittel. Airtime in Radio- und Fernsehkanälen und der Platz am gedruckten Papier ist begrenzt. Medien zu produzieren, zu publizieren und zu distribuieren war sehr kostenintensiv, daher lohnte es nur Inhalte zu transportieren die eine breite Masse erreichen und bewegen. Doch bewegt haben sie oftmals nur, weil es keine Alternativen gab.

Das Internet in Verbindung mit dem Prinzip von „personal publishing“ (Weblogs, Podcasts, Videocasts, Social Networks) verändert diese Rahmenbedingungen radikal. Plötzlich kann jede Form von Inhalten zu Grenzkosten global verteilt werden. Technische Innovationen im Bereich von Consumer Electronics (Digicams, HDTV Kameras, etc) und die wachsende Verfügbarkeit von Breitbandinternet tun ein Übriges. Es entstehen binnen kürzester Zeit Millionen von nicht professionellen Nischenmedien – der Longtail des User generated Content.

Zu guter letzt entstehen Angebote wie Google, die Such- und Transaktionskosten in den Weiten des wuchernden Mitmach-Internets effizient auffindbar machen. Die Suche nach dem Experten für Meerschweinchenzucht führt nicht zur Zeitschrift „Mein Haustier“ sondern zu einem „how-to Video“ bei expertvillage.com. Plötzlich wird Google zum globalen Gatekeeper für Inhalte aller Art. Versehen mit einem effizienten Distributionssystem für Online Werbung in Nischenmärkten (AdWords/AdSense) eine Lizenz zum Gelddrucken wie es scheint.

Starke Marken erkennen, dass wesentliche Zielgruppen durch klassische Kanäle nicht mehr zu erreichen sind und ziehen die Konsequenzen. Sie werde selbst ein Stück weit zum Medium und inszenieren Ihre Marke eigenständig und unabhängig.

Coca-Cola entwickelt einen eigenen Channel im iTunes Music Store, BMW begleitete sein Engagment beim America’s Cup mit einem Weblog und launcht eine eigene Web-TV Plattform und Microsoft begleitet den Launch von Windows Vista mittels Weblog.

Doch wenn man sich die bedeutendsten und erfolgreichsten Beispiele „neuer Medien“ ansieht, wie z.B. Flickr.com, MySpace.com oder YouTube.com so wird eines klar: Diese „Medienunternehmen“ bestechen durch Technologie und Infrastruktur, sind Plattformen - das klingt nach dem Kerngeschäft von Telekommunikationsunternehmen. Diese werden hier massiv in neue Geschäftsfelder investieren, weil die Commodity Access schon längst keine wirtschaftlichen Handlungsoptionen mehr zulässt.

Und plötzlich geht es nicht mehr um den Leser sondern um den User und die Frage wer den Kampf um den User gewinnt? Die Medien über redaktionelle Inhalte, Telcos über die ideale Infrastruktur oder Marken über Image und Lifestyle und thematisch extrem spitzen Communities?

Gute Inhalte allein, werden nicht ausreichen – es geht darum dem User ein Zuhause auf seinen täglichen Streifzügen durch das Netz anzubieten. Ein Umfeld, das ihm effizientes digitales Identitätsmanagement erlaubt, als Grundlage für Beziehungsmanagement.

Identitäten formen sich über Inhalte, das heißt die Voraussetzungen für Medienunternehmen sind gut – doch es bleibt die Frage ob sich Medienunternehmen den neuen Herausforderungen und Rahmenbedingungen auch wirklich stellen.


Die 5 goldenen Regeln

Google ist dein Freund
Der globale Gatekeeper heißt Google und wer in Google nicht präsent ist, der existiert nicht. Ziel muß es sein mit seinen Inhalten und Themen gut auffindbar zu sein.

Es sind User nicht Leser
Der passive Couch Potatoe wird zum aktiven Mouse Potatoe und der ist wertvoll für die Zeitung. So wie die Leserbriefe ein Ansatz der Mitmachzeitung waren, ist Web 2.0 die Grundlage für das Mitmach Internet.

Dialog statt Monolog
Broadcasting war gestern, heute geht es um Konversationen. Web 2.0 explodiert bei den User- und Zugriffszahlen, weil es vielmehr um persistente Konversationen denn um „Einweg-Publishing“ geht.

Verlinken, verlinken, verlinken
Es ist das Internet und ein Netz lebt von Verbindungen. Weg von monolithischen nach innen gekehrten Strukturen hin zu gelebten Netzwerken. Nur wer Mehrwert außerhalb des eigenen Tellerrands bietet ist interessant für den souveränen und autonomen User.

Communities integrieren
Die „Community“ ist kein Ghetto für nervende User, damit Journalisten in Ruhe arbeiten können! Machen Sie Communities und den dabei entstehenden User generated Content zu einem hochwertigen Bestandteil Ihrer Online Zeitung.
Oliver (anonym) meinte am 19. Dez, 16:29:
Das kann man nur bestätigen
Guter Beitrag Dieter! Da kann man nicht viel ergänzen, außer: dass man sich noch lange nicht sicher sein kann, wo das digitale Zuhause der User einmal sein wird. friendster war es nicht, MySpace wurde es, jetzt kommt facebook. Und facebook wächst enorm. Auf die weitere Entwicklung dessen bin ich gespannt. Denn: irgendwann wird auch den "Schwärmen im Netz" die Zeit ausgehen, sich "ständig" ein neues oder das fünfte Zuhause zu suchen.