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Der 13. Trendtag fand am 8. Mai 2008 im Curiohaus in Hamburg unter dem Motto "Identitätsmanagement - Anerkennung statt Aufmerksamkeit" statt. Das finde ich treffsicher, denn ich halte v.a. digitales Identitätsmanagement für eine zentrale Herausforderung der Zukunft mit Auswirkungen auf der Ebene des Individuums, der Unternehmen und der Gesellschaft allgemein. Die Reihe der angesagten Referenten versprach einiges und ich sollte nicht enttäuscht werden. Das sind meine ersten wichtigsten Eindrücke zusammengefasst:

Von der Ökonomie zur Egonomie

Eröffnet wurde der Tag von Dr. Norbert Bolz, der das Publikum fragte ob es sich schon mal selbst gegoogelt hätte? Eine wohl rethorische Frage.

Doch er wollte sich nicht ausschließlich dem Internet widmen sondern hinterfragte das oftmals leicht dahergesagte "der Mensch steht im Mittelpunkt". Norbert Bolz formulierte die These, dass im modernen Leben, der Mensch eben nicht im Mittelpunkt steht und das die Zumutung der modernen Gesellschaft darstellt. Doch es gibt Angebote die uns trösten.

An erster Stelle die Religion - ein alter Hut, aber nach wie vor gültig. Der nächste Trostspender sind die Massenmedien. Sie machen uns glauben Menschen seien wichtig, stünden im Mittelpunkt und das tröstet ungemein. Deshalb konsumieren wir Sie nach wie vor so fleissig. Aber aus der Zumutung der modernen Gesellschaft heraus sieht Bolz die Entwicklung von der Ökonomie zur Egonomie - wie mache ich mich selbst zum Zentrum meines Referenz- und Bezugsystems? Daraus ergibt sich fast zwangsläufig die Notwendigkeit zu "brand yourself" und einem effizienten "impression management".

Mit Referenz zum Tierreich geht es hier darum "teure Signale" zu senden, Stichwort das Pfauenrad. Oder besser, Ex-Kanzler Gerhard Schröder der besonders für "Basta" (wie beende ich eine komplexe Diskussion?) und "Gedöns" (für das gemeine Volk verständlicher Sammelbegriff für Kultur, Sport und v.a. Frauenfragen) bekannt ist. Man leistet sich willentlich ein Handicap und sendet ein teures Signal mit hohem Risiko - kein Fehler sondern eine unbewußte Strategie im Rahmen des impression management.

Doch Netzwerke, Geld und ähnliches können nach Aussage von Bolz nie die Antwort auf die Frage nach unserer Identität sein. Es ist die Selbsttranszendierung - das was nach der Bedürfnispyramide von Maslow nach der Selbstverwirklichung kommt. Und wenn menschliche Identität als Einheit von Körper, Seele und Geist verstanden wird, so lassen sich diese Phänomene in diesen drei Kategorien beobachten.

Sujet-13-Trendtag-2008
Angeblich wurde das Sujet von bekennenden Ästheten massiv angefeindet.

Die Selbsttranszendierung des Körpers durch, Kosmetik, Workout, Bodybuilding, Botox, plastischer Chirurgie und noch weiter (Thomas Beaty / Link) ... Die Selbsttranszendierung des Geistes wird nach Bolz durch den Workaholic repräsentiert. Die eigene Arbeit ist das Medium zur Selbsttranszendierung, man arbeitet um zu arbeiten. Bleibt noch die Selbsttranszendierung im Geist - und die sieht man in der heimlichen Konjunktur der Religion. Die Bolz anscheinend so schlecht nicht findet, denn "die Religion treibt einen niemals in die Sackgasse der Selbstverwirklichung - die Innenschau ist ein Irrweg, denn dort ist nichts interessantes". Ein für mich verstörendes Schlußwort - ich kann der Innenschau und der Reflexion einiges abgewinnen.

Die Erheiterung des Tages lieferte Tagesschaumann Jan Hofer mit dem mahnenden Spruch "Handies sind die weißen Socken von heute" um das nervende Gebimmel während der Vorträge zu unterbinden. Er erblickte auch einen engen Mitarbeiter vom gebeutelten Kurt Beck und merkte zur Erheiterung des Publikums sinngemäß an, Kurt Beck täte im Sinne seines Identitätsmanagements gut daran jemanden hierher zu schicken ...

Place ersetzt Corporation als Zentrum der Organisation

Danach kam Richard Florida, bekannt für sein Buch "the rise of the creative class". Warum ist Kreativität so wichtig, warum so zentral, warum über alles andere zu stellen? Denn Kreativität kann im Gegensatz zu Kapital, Wissen, Informationen, etc. nicht zugeführt werden. Deshalb ist Kreativität der Kern wirtschaftlichen Wachstums - so waren in den 50er Jahren in den USA weniger als 10% der Bevölkerung Teil der creative industries. In Skandinavien sind es heute 45% und mehr!

Doch Florida wird für seine Thesen kritisiert, zB von der amerikanischen Rechten - er verfolge eine hidden agenda für Schwule, Lesben, gegen die Familie und Werte generell. Und sogar die Linke kritisiert Ihn, denn die Idee der "creative class" sei elitär. Im Gegenteil, denn Kreativität unterscheidet nicht unter Rasse, Alter, Ethnie, Geschlecht, sexueller Orientierung, Einkommen ja sogar Bildung. Zur Folge hat dies, dass im Gegensatz zu früher die Arbeit ein Ort zur Identitätsbildung sein kann! Arbeit muß (heraus)fordernd sein, aufregend und flexibel eigenverantwortlich gestaltbar - Grundlagen für Identitätsbildung. Dann müssen Arbeitgeber Produktivität nicht aus Arbeitnehmern herauspressen, sondern sie fließt - das beste Beispiel ist Google.

Die Welt von heute wird dominiert von 40 Megaregions. Dort leben 80% 20% der Bevölkerung die 2/3 der weltweiten Wirtschaftsleistung produzieren und dort werden 9 von 10 Innovationen entwickelt die wir verwenden. ("These 40 megaregions account for about 20 percent of the world's population but produce about two-thirds of economic output and nine out of 10 of the world's innovations" - mehr in Newsweek / danke für den Hinweis SK!).Das heißt wir stehen nicht im Wettbewerb mit China oder Indien. Sondern NRW steht im Wettbewerb mit zB Shanghai! Place ist also mehr denn je Grundlage der Identitätsbildung - deshalb die Frage Who is your city?

Die unternehmerische Lebensplanung - Selbstoptimierung

Das sieht Prof. Peter Wippermann auf uns zukommen. Wobei sich aus seiner Sicht "Identität nicht kaufen lässt - sie entsteht". Ein wichtiges Signal an Unternehmen generell, die dem oft nicht wirklich Glauben schenken. Wippermann erläuterte weiters sein Bild der maslowschen Bedürfnispyramide die zu einer permanenten Feedbackschleife wird - sie beginnt beim körperlichen mit heutigen Auswüchsen wie Mommy 2.0 und dem Kinderbuch My beautiful Mommy um dem Kind begreiflich zu machen warum Mama plötzlich mit prallen Brüsten, neuer Nase und einem so komischen nicht enden wollenden Jokerface durch die Gegend stöckelt - in Deutschland gibt es zB jährlich über 400.000 Schönheitsoperationen. Das heißt auch "Ästhetik ersetzt Selbstwertgefühl" und aus dem ehemaligen Lifestyle wird Healthstyle ...

My-beautiful-Mommy-Bookcover

Die Sicherheit die bei Maslow noch ein Dach übern Kopf bedeutete ist heute die Datensicherheit. Viel zum Nachdenken hat hierbei vor allem Lidl. Deshalb ersetzt bald auch Biometrie die Demografie - nicht mehr Alter, Geschlecht und Beruf sind relevant, wenn Irisscan, Fingerabdruck und Gencode bekannt sind.

Also vor allem Unternehmen brauchen eine zugängliche Identität - eine kommunikativ zugängliche Repräsentanz in all den neuen Kanälen. In einer Welt in der Vertrauen Programm wird, in der ein Arbeitsmarkt von einem Persönlichkeitsmarkt ersetzt wird gibt es also noch einiges zu tun für diese Teilnehmer im Markt.

Mr. Identity 2.0 Dick Hardt von Sxip setzte sein Publikum einer tour de force mit gefühlte 3245 slides in 29min aus. Es war alles richtig und spannend, anfangs auch unterhaltsam, aber letzten Endes zu anstrengend! Das Video ist dennoch sehenswert:

Vasco (anonym) meinte am 13. Mai, 08:27:
Dick´s Präsentationsstil
ist genial. 5-second slides wurden auch schon als Schlusswort auf der letzten Reboot verlangt und ich habe gute Erfahrungen damit gemacht. Allerdings darf man es in der Tat nicht übertreiben und zu viele Slides machen. Dennoch kann man auf diese Weise sehr gut eine Botschaft übermitteln und den Zuhörer wach halten. 
Johannes Lerch (anonym) meinte am 13. Mai, 10:17:
die eigendliche herausforderung ist nicht 'wie mach ich mich zum zentrum meiner welt' sondern zu akzeptieren das man das eben nicht ist. dann überwindet man auch konsum und selbsttranszendierung. somit hat der bolz schon recht wenn er von der 'sackgasse der selbstverwirklichung' redet. selbstreflexion ist nur eine geistig anspruchsvollere form der egomanie ,-) 
Sierra antwortete am 13. Mai, 11:58:
eigentlich
hm - interessante gedanken. aber warum sollte ich nicht das zentrum meiner welt sein? ganz im sinne der besten interpretation des christlichen "liebe deinen nächsten wie dich selbst" - dient in diesem sinne nur meinem nächsten. und es geht ja nicht um die manie, die übersteigerung. sondern um das sich selbst achten, das sich selbst wahrnehmen - und das sehe ich eher als den großen Engpaß unserer zeit ... weil das sich selbst wahrnehmen ja konfrontation bedeutet und diese ist immer schmerzhaft. 
Johannes Lerch (anonym) antwortete am 13. Mai, 22:33:
weil ein selbstbezügliches leben ziemlich kurzssichtig macht. und den smith'schen gedanken, das selbstliebe auch der gemeinschaft hilft teile ich nicht - eher ist das umgekehrte der fall - der dienst an der gemeinschaft bringt dir selbst am meisten ein. und selbstwahrnehmung ist in erster linie wohl eher amusement als konfrontation ,-)
kommt halt drauf an ob man sich im krieg mit sich selbst befindet, oder ob man seine sonderheiten als stiller beobachter akzeptiert. man soll ja niemanden vorschnell verurteilen, wieso sollte man da bei sich selbst eine ausnahme machen? 
Sierra antwortete am 16. Mai, 13:00:
Wie wärs?
wir machen ein philosophicum weblog auf ;-) 
osloprinz (anonym) meinte am 13. Mai, 15:55:
Ich habe von Norbert Bolz das Buch "Konformisten des Andersseins" gelesen. köstlich, ich finde seine medientheoretischen Betrachtungen sehr spannend. Leider kenne ich die Gedanken vom Vortrag noch nicht, hat er Quellen angegeben oder in letzter Zeit ein Buch veröffentlicht? 
tobybaier meinte am 13. Mai, 18:05:
Alter Hut?
Hat Dick Hardt wirklich wieder genau diese Präsentation gehalten? Die ist schon drei Jahre alt. Damals fand ich sie wegweisend, heute bin ich ein bisschen irritiert, dass wir immer noch bei Identity 1.1 sind. 
Sierra antwortete am 16. Mai, 13:12:
ja
leider. Aber das fand ich jetzt nicht so dramatisch. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man Dinge so lange predigt und erzählt, dass man sie bald selbst nicht mehr hören kann bis die endlich im massenmarkt landen. und ganz ehrlich das thema identity 2.0 bzw. digitales identitätsmanagement ist noch nicht mal ansatzweise im massenmarkt angekommen. naha, man wird sehen ...