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Ein aus meiner Sicht katastrophales Wahlergebnis für Österreich brachte der gestrige Wahlsonntag. Kurz zusammengefasst: Die SPÖ verliert mehr als 5% und bleibt stimmenstärkste Partei, die ÖVP erleidet eine historische Niederlage, verliert über 8% und landet bei rund 25%. Die FPÖ gewinnt enorm hinzu und erreicht 18%, das BZÖ übertrifft alle Erwartungen und landet bei 11%. Die Grünen erreichen knapp 10% verlieren gegenüber den letzten Wahlen und wandern von Platz 3 auf Platz 5.

Das Ergebnis bringt in den Themen Migrationspolitik, Frauen, Inneres & Sicherheit, etc. einen bestürzenden Rechtsruck. Wirtschaftspolitisch gesehen gibt es einen klaren Linksruck - die SPÖ traditionell, neuerdings aber auch die FPÖ und das BZÖ stehen für wirtschaftliche Konzepte im Sinne von "Deficit spending".

Was gibt es unter Beobachtung der ersten Reaktionen zu den einzelnen Parteien zu sagen?

SPÖ
Was vor 2,5 Monaten als unmöglich galt ist eingetreten, die SPÖ ist stimmenstärkste Partei - das ist ein klarer Sieg für Faymann. Die SPÖ hat Stimmen verloren, hat Ihr historisch schlechtestes Ergebnis seit 1945. Angesichts der parteiinternen Konflikte, des internen Erneuerungsprozesses aber ein achtbares Ergebnis. In der Analyse nach der Wahl gab sich Faymann gewohnt konstruktiv und versprach bei seinen Ansagen (keine Koalition mit FPÖ + BZÖ) zu bleiben.

ÖVP
Eine Partei von der man sich auf Basis der historischen wirtschaftspolitischen Kompetenz als Unternehmer gut vertreten fühlen müsste wurde massiv abgestraft. Ich finde das gut und hoffe es dient der inneren Reinigung (die SPÖ hat das vor der Wahl erledigt!). Das Team um Molterer, geschlossen Überbleibsel aus der Ära Schüssel ist überfällig und untragbar. Der Wahlkampf war inhaltlich, wie formal eine Katastrophe, der Spitzenkandidat uncharismatisch, menschenfern und sichtlich beratungsresistent. In der Analyse nach der Wahl wünscht man sich nur diese Realitätsverweigerung eines Herrn Molterer nicht mehr lange ertragen zu müssen.

FPÖ
Bietet ein polternder Politrüpel mit simplen Sprüchen für komplexe Probleme eine so große Identifikationsfläche für Herrn und Frau Österreicher? Das mag gut sein. Ein Teil an Protestwählern wird auch dabei sein - den Anteil würde ich aber nicht überschätzen. Bestes Abschneiden bei Jung- und Erstwählern. Ein starkes Indiz für viele zukunftsängstliche schlecht ausgebildete junge Menschen die Ihre Verantwortung lieber einem scheinbar starken "Führer" anvertrauen anstatt positiv Ihre Zukunft in einer globalisierten Welt zu gestalten. Ein Argument für mehr Investition in Bildung!

BZÖ
Das schillerndste Politchamäleon der letzten 30 Jahre österreichische Politik hat es wieder einmal geschafft. Jörg Haider betonte seine Sachpolitik in Kärnten, gab sich sehr staatsmännisch und grenzte sich klar von seinen jungen Tagen ab. Damit und mit klassischen nationalistischen Inhalten war man neben FPÖ Gewinner der Wahl.

Die Grünen
Einmal mehr schlechter als die Umfragen. Schon im Wahlkampf hat man es nicht geschafft inhaltlich pointiert und vereinfacht die täglichen Sorgen der Wähler anzusprechen. Mediale Aufmerksamkeit erzielte man lediglich im Engagement für radikale Tierschützer. Spitzenkandidat van der Bellen ist zwar fachlich und menschlich über jeden Zweifel erhaben, aber medial nicht aus dieser Zeit. Extrem enttäuschend war die erste Reaktion von Wahlkampfleiterin Sburny die nicht in der Lage war auszusprechen, dass dieses Ergebnis eine herbe Enttäuschung und eine Niederlage war. Sehr selbstgefällig und realitätsverweigernd flüchtet sie sich in Ausreden. Auch bei den Grünen wird es Zeit für neue Leute die hungrig sind mehr zu erreichen als die üblichen 9-10%.

Aus meiner Sicht hat den Grünen etwas entscheidendes gefehlt - Aggressivität. Ein Begriff der oft vorschnell einseitig als "schlecht & böse" deklariert wird. Hergeleitet von aggredere (lat.herangehen, vorwärtsgehen) ist Aggressivität (positiv und konstruktiv eingesetzt) sehr wichtig und notwendig wenn es darum geht sich für Überzeugungen und Positionen einzusetzen. Einmal mehr sind die Grünen sichtlich geschlossen zu brav, zu lieb und teilweise zu naiv um sich im medialen Haifischbecken eines Wahlkampfs durchzusetzen. Ich persönlich hätte die Grünen sehr gerne bei den erhofften 15% als gestaltende Kraft in Österreich gesehen!

Damit endlich einmal schwarz-grün möglich wird müssen sich beide Parteien enorm entwickeln, die derzeit größeren Hausaufgaben aufgrund der Trägheit des Apparats haben aber eindeutig die Schwarzen.
Thomas (anonym) meinte am 29. Sep, 09:36:
Schwierig Schwierig
natürlich wärs schön gewesen wenn sich die grünen durch mehr "aggressivität" stimmenstärker posititionieren hätten können, aber wenn man den tatsachen ins auge sieht ist es nunmal so, dass ein österreichischer wahlkampf nicht mit themen geführt wird in denen die grünen mit kurzfristigen, schnellen lösungen punkten können. das ist wohl generell eines der größten probleme des grünen lagers. wer nicht mit plakativen populismus zuschlagen will/kann hats nunmal schwer sprunghafte wahlerfolge zu erreichen.
dazu kommt noch, dass diesmal einige parteien angetreten sind, die (zumindest teilweise) auf dem gleichen spielfeld wie grün politik machen (lif, tierrechtsp, teilweise kpö).
wenn man dann auch noch die gemäßigteren wähler vertreibt indem man vermeintlich radikale tierschützer auf die liste nimmt (hier gabs aggressivität, allerdings in die falsche richtung) hat wirds noch schwerer. natürlich wars grundsätzlich gesehen nicht falsch ein derartiges signal zu senden, aber die kosten/nutzen rechnung hierbei wird wohl nicht aufgegangen sein. 
Johannes (anonym) antwortete am 29. Sep, 10:16:
gerade das die grünen nicht immer in einer kosten/nutzen Rechnung denken, sondern zu ihren Grundsätzen stehen (zumindest in diesem Fall) ist ihnen hoch anzurechnen, andererseits wahrscheinlich ihr größtes Problem. Und wie es der Van der Bellen gestern gesagt hat: Vielleicht gibt es in diesem Land für Grüne Politik (wie die Grünen sie derzeit betreiben) nicht mehr Potential.

bezüglich Jungwähler: An die Möglichkeit 'positiv ihre Zukunft in einer globalisierten Welt' zu gestalten glauben aus diversen Gründen immer weniger junge Menschen. Die kulturellen Unterschiede führen dazu das in Frankreich die Jugend ihre Vorstädte anzündet, und bei uns halt das X-erl bei den 'Protestparteien' gemacht wird. Aber für mich ist beides Ausdruck des hilf- und perspektivlosigkeit die heute viele junge menschen erleben. wen es nicht gelingt den glauben an die demokratie wiederzuerlangen ist das system bald im arsch. und das vielleicht garnicht zu unrecht. 
Thomas (anonym) antwortete am 29. Sep, 11:07:
problematisch ist halt, dass man neue wähler(schichten) nicht, oder zumindest nur schwer, mit grundsatzaktionen erreichen kann. es kommt nun darauf an, ob man bereit ist einige punkte aufzugeben um so einen etwaige regierungsbeteiligung zu erreichen um in folge andere punkte durchzusetzen. natürlich ist dies nicht die feine art, aber mit genügend fingerspitzengefühl hätte man so bestimmt den ein, oder anderen prozentpunkt mehr erhalten können. mir ist natürlich klar, dass deartige strategien gut überlegt sein müssen und dass man hier keinesfalls aus der hüfte schießen darf á la faymann und eu.

uneigeschränkt gutheißen könnte man solch ein verhalten natürlich auch nicht, aber in diesem fall hätte ich es durchaus vorgezogen um die absehbar erfolgreichen rechten zumindest etwas in die schranken zu weisen.

mit glasklarer ehrlichkeit ist in einer heutigen demokratie nunmal leider nicht viel zu gewinnen... 
Sierra antwortete am 29. Sep, 14:19:
ein wenig mehr pragmatismus um der gestaltungsmöglichkeit willen! das ist das was ich mir wünschen würde ... aber ich geb dir recht, keine einfache gratwanderung. 
Andre (anonym) meinte am 29. Sep, 09:49:
Herr Rappold, danke fuer diesen tollen Beitrag. Gut analysiert. Einzig das Debakel der Liberalen fehlt.


als im Ausland lebender Oesterreicher schaeme ich mich fuer dieses Wahlergebnis. Zu oft haben wir uns gefragt ob die Amerikaner dumm sind weil sie 2x fuer Busch gewaehlt haben.

Naja es scheint so als ob man mit einer einfachen Botschaft Waehler gewinnen kann. Das Wahlergebnis schadet nicht nur dem Ansehen Oesterreichs im Ausland es schadet auch allen die juenger als 45 sind. Die werden den Schlammassel ausbaden muessen.

An alle Nicht Waehler. Das habt Ihre jetzt davon. Es ist schwer sich zu entscheiden aber eine Gegenstimme zum Rechtsruck waere hilfreich gewesen.

An alle Rechts Waehler: Gratuliere zu Eurem Wahlerfolg. Geniesst weiterhin Euren All inclusive Urlaub in Tunesien.. ach Ihr lest ja eh keine Blogs ;) und erst recht keine Zeitungen (Krone und Bild sind da ausgenommen) * musste ein bisserl verallgemeinern und polemisieren..

An die Gruen Politiker: Bravo Herr Pilz dass die das LIF demoliert haben. Ach ja rekrutiert weiterhin Tierschuetzer welche der Gewalt nicht abgeneigt sind das hat Euch sicher viele Prozentpunkte gebracht.

Jetzt habe ich meinen Frust ein wenig abgelassen.. Nochmals danke an den Autor fuer diesen tollen Beitrag. 
Sierra antwortete am 29. Sep, 11:08:
lieber andre, danke für dein nettes Feedback. War eher gestern Nacht in einer ersten Enttäuschung zusammengeschrieben ... Übers LIF hab ich nicht geschrieben, weil es generell unter der Wahrnehmungsgrenze blieb und aus meiner Sicht mangels Breite und Fundament nicht eine klassische liberale Partei ist, sondern das Ideenwunschkonzert einiger weniger starker Proponenten. 
Ulli (anonym) meinte am 29. Sep, 09:57:
und jetzt?
Das Wahlergebnis war leider absehbar. Man muss aber sagen: das war der harmlose Teil. Was jetzt voraussichtlich folgt, sind monatelange Verhandlungen mit anschließender Regierungsarbeit, die unser Land sicher nicht nach vorne bringt.
Schwarz-grün wäre auch seit vielen Jahren meine Wunschkonstellation, mit starken Grünen: nach einer internen Konsolidierung in den schwarzen und grünen Reihen sollten beide Parteien aus der Opposition heraus stark mit neuen Ideen herauskommen.
Wunschdenken. 
Daniel (anonym) antwortete am 29. Sep, 11:42:
Debakel
ein enttäuschendes Wahlergebnis.

Ich hoffe das die Grünen nun aufgewacht sind, und ihre Strategie ändern (sprich mehr Aggresivität, ...) und ich befürchte dass das Ansehen Österreichs in der Europapolitik einen beträchtlichen Schaden erleiden wird bzw. das nun wieder Sanktionen seitens der EU drohen, sofern eine rechtslastige Koalition gebildet wird. :(

Plädiere für Neuwahlen :)